Impro&Amen in der St. Nikolaus-Besetzung: Franz Lauth (Schlagzeug), Oskar Rimmele (Piano), Bernhard Derek (Bass)
Der Name ist Programm: „Impro & Amen“.
Doch die Musik ist mehr als ein schöner Klangteppich – sie inspiriert. Und sie zeigt, was Kirche vom Jazz lernen kann.
1. Improvisation – Freiheit im Rahmen
Im Jazz wird nicht einfach wild drauflos gespielt. Auch wenn es manchmal so klingt: Selbst im Free Jazz gibt es Regeln, Formen, Harmonien. Ein „Lead Sheet“ gibt Melodie und Akkorde vor – und innerhalb dieses Rahmens entsteht Neues.
Für die Kirche heißt das: Biblische Texte und Tradition bilden den Rahmen, aber darin darf es mutiger, kreativer und situativer werden. Treue zum Kern bedeutet nicht Stillstand. Wie im Jazz entsteht lebendige Tradition erst dann, wenn man das Bekannte in die Gegenwart übersetzt – statt alte Partituren nur zu verwalten.
2. Zuhören – ein spirituelles Grundprinzip
Jazz funktioniert nur, wenn alle aufeinander hören. Ein Solo entsteht, weil die anderen Raum geben. Ein Ensemble klingt gut, weil jede Stimme die anderen wahrnimmt. Auch Kirche könnte stärker zu einem solchen Ensemble werden: weniger Monolog, mehr „Theologie des Zuhörens“. Wer hinhört – auf die Fragen, Sorgen und Rhythmen der Menschen – findet eher den Ton, der wirklich trägt. Und vermeidet es, gegen die Stimmung des Publikums anzuspielen.
3. Jam Sessions statt Sitzungsmarathons
Wer einmal eine Jam Session erlebt hat, weiß: wenig Plan, wenig Agenda – aber viel Energie. Jede Stimme hat Raum, Verantwortung und Bedeutung. Selbst ein Solo ist ein Dialog.
Für die Kirche bedeutet das: mehr geteilte Verantwortung. Weniger Solisten, mehr Ensemble. Ehrenamtliche bringen oft genau das mit, was Jazz ausmacht: Improvisation, Dialog, weniger Formalismus, mehr Spontanität. Und manchmal entsteht dann dieser besondere Moment, in dem alle spüren: Jetzt stimmt der Groove. Natürlich kann auch mal etwas schiefgehen. Siehe Punkt 4.
4. Fehlerfreundlichkeit – aus falschen Tönen neue Wege formen
Miles Davis sagte einmal: „Es gibt keine falschen Noten – nur Noten, die du nicht auflöst.“ Ein vermeintlicher Fehlton kann der Anfang einer spannenden Wendung sein. Eine Kirche, die Fehler nicht vertuscht, sondern annimmt, reflektiert und transformiert, gewinnt Glaubwürdigkeit zurück. Brüche – in der eigenen Geschichte oder im Leben von Menschen – können Ausgangspunkte für neue Harmonien werden.
5. Authentizität – keine Show, sondern Ausdruck
Jazz lebt vom echten Moment. Ein Konzert ist unwiederholbar, es passiert im „Hier und Jetzt“. Kirche hingegen verliert sich manchmal in der Bewahrung des Gestern.
Der Jazz erinnert uns daran, dass das Heilige im gegenwärtigen Augenblick ("hodie") geschieht. Eine „Liturgie der Präsenz“ könnte Gottesdienste weniger wie Gedenkveranstaltungen wirken lassen – und mehr wie lebendige Begegnungen. Glauben überzeugt heute nicht durch Autorität, sondern durch Authentizität: ehrliche Sprache, echte Menschen, transparente Prozesse.
Impro&Amen
„Amen“ bedeutet: „So ist es“, „So soll es sein“, „Gewiss“. Es steht für Zuverlässigkeit und Wahrheit. Der Jazz zeigt, wie man treu bleibt – und trotzdem frei wird. Wie Tradition und Improvisation zusammenfinden, ohne einander zu verraten. Genau diese Spannung ist das Herz eines lebendigen Glaubens. Und genau das bringt unser Jazz-Kollektiv auf die Bühne: "Impro&Amen".