Impuls

Foto: Christian Schmitt | Pfarrbriefservice

St. Martin im Klingenbach, Stuttgart-Ost

 

Sinnlose Wohltätigkeit?

Es gibt wenig Erzählungen, außer biblischen Texten, die caritatives Handeln der Kirche so geprägt haben wie die Mantelteilung des Hl. Martin.  Bertholt Brecht stellte jedoch spöttisch fest: „Der heilige Martin, wie ihr wisst | Ertrug nicht fremde Not. | Er sah im Schnee einen armen Mann | Und er bot seinen halben Mantel ihm an | Da frorn sie alle beid zu Tod.“ Brecht wollte sinnlose Wohltätigkeit kritisieren. Die katholische Kirche brauchte tatsächlich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, um von mildtätiger Barmherzigkeit und Almosen auf eine tatkräftige Soziallehre umzuschalten. Eine Theologie der Befreiung ist bis heute umstritten.

Ich denke, die Erzählung der Mantelteilung ist überraschend aktuell. Viele fragen sich, ob die Gas-Vorräte für die kommenden Wintermonate ausreichen. Hektisch suchen Politik und Wirtschaft nach Lösungen, damit niemand frieren muss. Das ist gut so! Gisela Baltes hält fest, worauf es jetzt ankommt: „Heute wie damals braucht es den Martin, der hinschaut, der Not wahrnimmt und seinen Mantel teilt: den Mantel der Güte und Nähe, den Mantel der Sorge und Anteilnahme, den Mantel tatkräftiger Hilfe.“ Zugegeben, Barmherzigkeit und Almosen allein werden nicht helfen, die aktuelle Krise zu bewältigen, aber sie sind ein erster Schritt. Alle müssen ihre Verantwortung sehen und übernehmen, damit sich unsere Gesellschaft nicht in ´Habende und Habenichtse´ teilt. Ein nächster Schritt muss soziale Gerechtigkeit sein, die die Ressourcen so verteilt, dass niemand Schaden leidet.  Heute treffen wir selten frierende Bettler im Schnee, aber wer weiß, wie viele in ihren kalten, dunklen Wohnungen leben müssen. Das Motto des Katholikentags in Stuttgart erhält neue Brisanz: leben teilen!
Bernhard Derek

Nächster Martinsritt und Gottesdienst im Klingenbach, 11.11. 2022, 18 Uhr

Bild: Jürgen Damen In: Pfarrbriefservice.de

Bin ich Doomscroller geworden?

Hier einige Nachrichtenüberschriften, online und zufällig gesammelt: „Lawrow: Westen will Russland „zerstören, zerstückeln“, „Der Folterknast von Balaklija“, „Nordkorea feuert ballistische Rakete ab“, „Halbe Million Haushalte sind nach ´Fiona´ ohne Strom“, „Forderung nach schneller Gaspreisdeckelung - Die Preise müssen runter", "Steigende Inzidenzen in München – Oktoberfest-Abwasser getestet“, „Kasse rausgerissen: Wiesn-Gast rastet wegen Bratwurst aus“.
Ich erwische mich in letzter Zeit öfter dabei, am Smartphone zu kleben und eine schlechte Nachricht nach der anderen zu lesen? Bin ich Doomscroller geworden?
Doomscrolling verbindet die englischen Worte „doom“ (dt. Verderben) und „scrollen“ (den Bildschirminhalt verschieben). Am ehesten ist es wohl mit „verdammnisblättern“ (StN) zu übersetzen. Es geht also um das endlose Konsumieren von schlechten Nachrichten, wo auch immer.
Neue und unerklärbare Situationen lösen Angst und ein Gefühl von Ohnmacht in uns aus. Wir versuchen dann durch intensive Informationsbeschaffung wieder handlungsfähig zu werden. So weit, so gut. Aber der Empfang von Hiobsbotschaften und Verschwörungstheorien in der Endlosschleife helfen nicht weiter. Ich brauche gute Nachrichten.
Ich nehme mir vor, wenigstens sonntagsmorgens das Smartphon liegen zu lassen, damit das Evangelium wieder besser zu mir durchdringen kann. Hier erfahre ich, dass Gott Herr der Geschichte ist, auch wenn ich in den vergangenen Wochen und Monaten Anflüge von Endzeitstimmung verspürt habe. Oder wie es Gustav Heinemann, 1950, 5 Jahre nach dem 2. Weltkrieg auf dem Evangelischen Kirchentag in Essen formuliert hat: "Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt!"

Bernhard Derek

 

Die Erde, sie ist voll von Himmel,
Und jeder ordinäre Busch entflammt von Gott;
Doch nur, wer sieht, zieht seine Schuhe aus …

Elisabeth Barett Browning, Aurora Leigh

Foto: Hartmut Schwarzbach | Missio

Retter oder Erlöser?

Brauchst du eher einen Retter oder einen Erlöser? Diese Frage stand neulich in meinem Adventskalender. Puh! So eine Frage, am frühen Morgen.

Wer mich am Schopf packt und aus dem Wasser zieht, rettet mich.
Wer mir das Schwimmen beibringt, erlöst mich.

Wer mich besucht, wenn ich Trübsal blase, rettet mich.
Wer mich singen lehrt, erlöst mich.

Wer mich vor dem Untergang bewahrt, rettet mich.
Wer mir hilft, an das Unmögliche zu glauben, erlöst mich.

Ich brauche den Retter, aber mehr noch den Erlöser.
Obwohl das anstrengender für mich ist.

Andrea Wilke

Text  | Bild In: Pfarrbriefservice.de

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