Impuls

Jesus der Jude – Christus der Erlöser

Eine der bekanntesten Debatten im Talmud beschäftigt sich mit der Frage, ob die acht Kerzen des Chanukka-Leuchters alle auf einmal angezündet werden sollen oder eine Kerze nach der anderen an verschiedenen Tagen. Nach Beit Hillel sollten wir am ersten Tag von Chanukka eine Kerze anzünden und die weiteren dann in jeder Nacht während der gesamten Dauer von Chanukka. Nach Beit Schammai ist es besser am ersten Tag von Chanukka acht Kerzen anzuzünden und an jedem weiteren Tag eine Kerze weniger. 
Vermutlich sind beide Lösungen sinnvollerweise möglich. Das Brauchtum des Chanukka-Leuchters fußt auf der Geschichte des Befreiungskampfes der Makkabäer und Hasmonäer gegen die griechischen Besatzer. Als die Makkabäer den Tempel zurückerobert hatten und die Menora (den Leuchter) anzünden wollten, fanden sie nur einen kleinen Krug von reinem Öl. Genug für Licht an einen Tag. Es geschah jedoch ein Wunder und das Öl reichte für acht Tage.
Unsere jüdischen Mitbürger in Stuttgart haben sich offensichtlich für die Beit-Hillel-Variante entschieden. Im Schlossgarten ist am 25. Kislew (1. Advent) das erste Licht der Chanukkia entzündet worden. Zum ersten Mal steht auch im Foyer des Landtags ein Chanukka-Leuchter. „Ein Licht der Zuversicht gegen Angst und Antisemitismus“, nannte Marion Gentges, Ministerin für Justiz und Migration, die Kerzen bei der feierlichen Zeremonie zu Beginn des achttägigen Chanukkafestes. „Wir feiern damit bis heute die wiedergewonnene Freiheit“, betonte Michael Kashi vom Vorstand der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg in Erinnerung an das Ereignis im Jahr 3597 nach jüdischer Zeitrechnung. 
In einem Interview antwortet der Berliner Rabbiner Andreas Nachama kürzlich auf die Frage: Wo steht der christlich-jüdische Dialog? „Im Vergleich zu 1945 haben wir einen Jahrtausendschritt getan. So ein geregeltes Miteinander hat es seit 2000 Jahren nicht gegeben“. Das ist sehr erfreulich. Die antijüdischen Stereotype in der christlichen Theologie beginnen zu verblassen. Wir dürfen nicht mehr die Steigbügelhalter für Antijudaismus oder Antisemitismus sein. 

Stimmen im Judentum plädieren für eine Heimholung des Juden Jesus. Rabbiner Walter Homolka stellt eine wichtige Frage für den weiteren jüdisch-christlichen Dialog: „Werden Christen und ihre Kirchen in der Lage sein, diese Verortung Jesu und seine Heimholung in die jüdische Schicksalsgemeinschaft zu respektieren und in ihre Rede von Jesus, in ihre Christologien einzubeziehen?“  Wir werden sehen. Gerne zünde ich für eine gute Lösung der Frage an jedem Adventssonntag eine Kerze mehr an. 

Text: B. Derek; Quellen: Jüdische Allgemeine/online, 28.11.21; StZ 277/2021; W. Homolka, Der Jude Jesus – Eine Heimholung, Herder 2020
 

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