Andreas Schardt

Eindrücke aus der Zeit mit Pfarrer Otto Schneider

In "100 Jahre Herz Jesu" geht es dieses Mal um die Zeit der 70er und 80er Jahre, als Otto Schneider Pfarrer in Herz Jesu war. Andreas Schardt erzählt im Interview, wie er damals vom Neuankömmling in der Gemeinde zum Ausbilder der ersten Ministrantinnen und schließlich zum Oberministranten wurde.

Sie können das Interview mit Andreas Schardt auch als Video anschauen.

BLICKPUNKT OST:
Vielen Dank, lieber Herr Schardt, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben. Sie stammen ja, wie viele Gemeindemitglieder von Herz Jesu, nicht ursprünglich aus Stuttgart Ost. Wollen Sie uns vielleicht zuerst erzählen, wie Sie zu Herz Jesu gekommen sind?

ANDREAS SCHARDT:
Ich bin in Frankenberg geboren. Das ist in der Nähe von Chemnitz. Zu Herz Jesu bin ich eigentlich per Zufall gekommen. Nachdem wir nach Stuttgart gezogen sind – damals im Rahmen der Familienzusammenführung - haben wir die erste Wohnung in der Wagenburgstraße gehabt. Und so bin ich hier gelandet.

BLICKPUNKT OST:
Wann war das ungefähr?

ANDREAS SCHARDT:
1979.

BLICKPUNKT OST:
Und wie kam es dann dazu, dass Sie sich hier in der Kirchengemeinde engagiert haben?

ANDREAS SCHARDT:
Naturgemäß habe ich natürlich ein bisschen nach Kontakten gesucht. Von meiner Heimat her waren wir es gewohnt, dass wir regelmäßig in die Kirche gehen. Da hat es sich dann so ergeben, dass der Kontakt zu Herz Jesu entstanden ist. Und dann bin ich nach und nach in die ehrenamtliche Arbeit hineingerutscht.

BLICKPUNKT OST:
In welchem Bereich haben Sie sich besonders engagiert?

ANDREAS SCHARDT:
Ich war gerade 17 geworden, da ergab es sich, dass Pfarrer Schneider eine Mädchen-Ministranten-Gruppe aufmachen wollte. Irgendwie hatte er erfahren, dass ich Erfahrungen hatte in diesem Bereich, und so hat er mich gefragt, ob ich Lust hätte, die Mädchen für den Ministrantendienst auszubilden. Im Nachhinein habe ich dann die genaueren Umstände erfahren, warum gerade ich. Offensichtlich war es nicht ganz so einfach, diese Idee innerhalb der Kirchengemeinde durchzusetzen. Die etablierte Ministranten-Mannschaft zum Beispiel war nicht begeistert und auch der damalige Kaplan nicht, der für die Ministranten-Arbeit zuständig war. Also war es einfacher, sich jemanden Unvorbelasteten von außen zu suchen. Das war zufälligerweise ich.

BLICKPUNKT OST:
Aber die Mädchen und Jungen haben am Ende schon gemeinsam ministriert? Oder gab es etwa Gottesdienste, in denen nur Mädchen, und andere, in denen nur Jungen ministriert haben?

ANDREAS SCHARDT:
Das gab es am Anfang wirklich. Die Kontakte waren am Anfang weder selbstverständlich noch einfach. Man muss wissen: Zu diesem Zeitpunkt gab es eine ziemlich rege Ministrantenschaft mit zwischen 50 und 60 aktiven Jungen. Jedes Wochenende gab es allein in Herz Jesu fünf Gottesdienste, die alle durch Ministranten besetzt waren. Es lief alles gut und es gab ein eigenes Selbstverständnis und eine eigene Gruppendynamik. Und dann kamen da plötzlich Mädchen dazu. Das war etwas Neues und musste sich erst mal entwickeln. Später war das dann selbstverständlich, aber am Anfang nicht.

BLICKPUNKT OST:
Wie haben Sie es geschafft, die Gruppen zusammenzubringen?

ANDREAS SCHARDT:
Die Mädchen mussten erst mal mindestens ein halbes Jahr „Trockentraining“ machen. In der Zeit haben sie in den Gottesdiensten nicht mit-ministrieren dürfen. Nach und nach sind sie dann eingeführt worden. Und ich kann mich schon erinnern, dass am Anfang manche Jungs nicht mit den Mädchen zusammen ministrieren wollten. Das hat sich dann später gegeben. Die Mädchen sind ja auch älter geworden und waren dann vielleicht auch interessanter. Es hat allerdings auch lange gedauert, bis die Mädchen in die Gruppen der Ministranten kommen durften. Die haben sich damals einmal in der Woche regelmäßig getroffen, immer abends. Aber mit der Zeit hat es auch da eine Entwicklung gegeben - vom selbstverständlichen Nebeneinander zum Miteinander.

BLICKPUNKT OST:
Ministrant sein, Sie haben es schon angedeutet, hat damals nicht nur bedeutet, in den Gottesdiensten zu ministrieren, sondern es gab viele weitere Aktivitäten drumherum. Was waren das für Aktivitäten?

ANDREAS SCHARDT:
Es war, wie man es auch aus Vereinen kennt. Man war Teil einer Gruppe mit allem, was das ausmacht. Das Ministrieren war der Kern, sozusagen der gemeinsame Nenner. Aber es gab regelmäßige Freizeitaktivitäten. Man hat seine Wochenenden am Samstag oder am Sonntag gemeinsam verbracht, hat zusammen Fußball gespielt oder Ausflüge gemacht. Es war wie eine Clique, eine große Gemeinschaft. Das Soziale stand im Mittelpunkt.

BLICKPUNKT OST:
Sie sind dann später auch Oberministrant für alle Ministranten geworden, für die Jungs und die Mädchen. Haben Sie aus dieser Zeit eine bestimmte Lieblings-Erinnerung oder etwas, woran Sie bis heute gerne zurückdenken?

ANDREAS SCHARDT:
Nicht eine einzelne Erinnerung, sondern die Gesamtheit dieser Zeit habe ich sehr positiv im Gedächtnis. Von meiner Ministrantenarbeit habe ich natürlich auch viel gelernt für das, was ich später gemacht habe: Also Menschen motivieren, Gruppen leiten, Konflikte moderieren. Das sind alles Sachen, die mir später immer wieder zunutze gekommen sind. Es war insgesamt für mich eine sehr schöne Zeit.

BLICKPUNKT OST:
Wo würden Sie im Rückblick die größten Unterschiede sehen zwischen der Gemeinde, wie Sie sie damals erlebt haben und wie sie heute ist?

ANDREAS SCHARDT:
Das ist schwierig zu beurteilen. Schon rein zahlenmäßig ist der Unterschied sehr groß. Es war damals irgendwie selbstverständlich, Mitglied einer Kirchengemeinde zu sein und nahezu auch selbstverständlich, am Sonntag in die Kirche zu kommen. Die Kirchgänger-Quote lag über 10 %. Heute sind wir, glaube ich, bei 2 oder 3 %. Insofern war einfach die große Gruppe der Gemeinde anders strukturiert, war sozialer, anders aufgestellt als heute. Heute, soweit ich es aus der Distanz einschätzen kann, ist Herz Jesu eine kleinere Gemeinschaft, die vielleicht aber auch wieder enger zusammensteht. Das weiß ich nicht.

BLICKPUNKT OST:
Und wie haben Sie das Gemeindeleben von damals in Erinnerung? Wie würden Sie das beschreiben?

ANDREAS SCHARDT:
Ich beziehe Ihre Frage mal auf die frühen 80er Jahre. Es war, wie gesagt, eine sehr große Gemeinde. Es gab eine Kerngemeinde von sicher 100 Leuten, die auch sehr viel privat miteinander gemacht haben, Wochenenden miteinander verbracht haben, ähnlich wie die Jugend. Es gab eine große Gruppe, die sich regelmäßig auf der Marienburg getroffen hat. Ich erinnere mich an riesige Faschingsbälle, bei denen es völlig unmöglich war, irgendwie normal an eine Eintrittskarte zu kommen. Mit riesigen Vorbereitungen. Es gab Gemeindefeste in einer Größenordnung, wie sie heute kaum noch möglich wären. Das war schon ein Unterschied, dass man einfach mit mehr Menschen Veranstaltungen in einer anderen Qualität und Größe machen konnte. Das sagt aber für mich noch nichts über die Qualität einer Kirchengemeinde als solcher aus. Ist das der Kern einer Kirchengemeinde? Die Frage lasse ich mal offen. Aber es war eine soziale Gruppe, eine große soziale Gruppe, und darin unterscheidet sich die Gemeinde ganz wesentlich von dem, wie sie heute ist.

BLICKPUNKT OST:
Pfarrer Schneider haben Sie ganz am Anfang schon erwähnt. Er hatte die Idee mit der Mädchen-Ministranten-Gruppe. Wie haben Sie Pfarrer Schneider sonst so erlebt?

ANDREAS SCHARDT:
Es ist sehr lange her. Was mir von Pfarrer Schneider in Erinnerung geblieben ist, ist auf der einen Seite eine väterliche Figur, auf der anderen Seite auch ein sehr strenger, sehr regelkonformer Mann, aber immer offen für Diskussionen. Letztlich aber doch ein Stadtpfarrer alter Prägung, würde ich sagen. Ein bisschen hängen geblieben sind auch die Konflikte mit dem damaligen Kaplan. Die haben auch auf uns Jugendliche ein bisschen abgefärbt. Da sind immer wieder Versuche unternommen worden, die Ministranten so ein bisschen auf die eine oder auf die andere Seite zu ziehen. Das haben wir schon mitgekriegt, aber wir haben versucht, uns da irgendwie weitestgehend rauszuhalten.

BLICKPUNKT OST:
Er muss aber doch irgendwie, wie man heute vielleicht sagen würde, ein fortschrittlicher Pfarrer gewesen sein, wenn gerade er zum Beispiel die Sache mit den Mädchen so forcieren wollte. Haben Sie das auch so empfunden?

ANDREAS SCHARDT:
Ich habe ihn zumindest nicht als konservativ wahrgenommen. Ich habe das damals aber auch nicht so beurteilen können, wollte es auch gar nicht beurteilen. Er war für mich einfach eine Respektsperson.

BLICKPUNKT OST:
Vielen Dank für dieses Interview und vielen Dank, dass Sie Ihre Erinnerungen mit uns geteilt haben!

 

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