75 Jahre Ohlhäuser Weihnachtskrippe in Heilig Geist

75 Jahre Ohlhäuser Weihnachtskrippe in Heilig Geist

 

von Michael Cramer

In diesem Jahr zu Weihnachten feiert die bekannte Weihnachtskrippe von Walter Ohlhäuser ihr 75-jähriges Jubiläum! Zum Weihnachtsfest 1948 sind die Figuren erstmals in der frisch wiederaufgebauten zweiten Heilig-Geist-Kirche aufgestellt worden. Der damals in Fellbach wohnende Kunstschnitzer Walter Ohlhäuser hatte die Figuren gefertigt. Stadtpfarrer Josef Sprenger, der erste Seelsorger der Heilig Geist Gemeinde, hatte die Krippe im Jahr zuvor bei Ohlhäuser beauftragt. Die alte Heilig-Geist-Kirche war in der Nacht vom 19./20. Oktober 1944 durch eine Fliegerbombe bis auf die Grundmauern zerstört worden. Dabei wurde auch die damalige Krippe – vermutlich eine Krippe mit Gipsfiguren – vernichtet. Bereits 1946 war der neue, wiederaufgebaute Kirchenbau fertig gestellt. Nun fehlte noch die Innenausstattung und Inventar, und eine Weihnachtskrippe gehört sicher für jede Gemeinde dazu.

Es ist interessant, dass sich die Gemeinde Heilig Geist in der von der Not geprägten Nachkriegszeit bei der neuen Krippe für eine handgefertigte, qualitätsvolle Künstlerkrippe entschied. Ohlhäuser, der nach seiner Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zunächst wieder als Werkschreiber bei der Daimler-Benz AG in Untertürkheim arbeitete, fasste erst 1946 den Beschluss, sich beruflich komplett in Richtung Bildhauerei umzuorientieren, gefördert vom überregional bekannten Stuttgarter Bildhauer und Künstler Ernst Yelin.

In den damaligen Kirchlichen Mitteilungen der Gemeinden St. Nikolaus und Heilig Geist vom 26. Dezember 1948 wird über die Krippenanschaffung wie folgt berichtet: „Es ist schon über ein Jahr her, dass die Gemeinde einem Künstler, Herrn Ohlhäuser aus Fellbach, der Bruder eines Priesters aus der Erzdiözese Freiburg, Vater von vier Kindern, den Auftrag für die Herstellung der Krippe gab.“ Der hier erwähnte Priester ist der vor allem im Raum Karlsruhe bekannte Friedrich Ohlhäuser, nach dem auch heute noch eine wohltätige Stiftung benannt ist. Dieser Bruder war zu der Zeit noch Pfarrer in Busenbach im Schwarzwald, zugleich aber auch als Priester im Schönstattkreis aktiv. Eventuell könnte dies der Grund für den Kontakt der Gemeinde Heilig Geist zu Walter Ohlhäuser sein. Heilig Geist war damals das Stuttgarter Zentrum der Schönstatt-Bewegung. Vielleicht ist Walter Ohlhäuser im Raum Stuttgart aber auch nur durch die Gemeinden mit Kirchenwiederaufbauten gezogen und hat seine Dienste als Kunstschnitzer angeboten. Sicher hatte er dann auch immer ein paar Musterfiguren dabei. Ohlhäuser schuf seine Krippenfiguren immer als Gliederpuppen mit Stoffbekleidung, oftmals mit einer Größe von 50 cm.

Das damalige Kirchenblatt schreibt weiter: „Dank des großen Eifers dieses aufstrebenden und gottbegnadeten Künstlers und dank der großen Freigebigkeit aller Stände konnte die Krippe nun vollendet werden.“ Es finden sich in dem im Zuge des Wiederaufbaus der Kirche geführten Baukassenbargeldbuches nur zwei kurze Hinweise auf die Anschaffungskosten der Krippe. Ohlhäuser hatte im Juli und November 1948 insgesamt 500 Deutsche Mark für seine Krippenfiguren bekommen, wobei die erste Summe als Teilzahlung notiert ist. Ob darüber hinaus noch Geld an Ohlhäuser gezahlt wurde, ist nicht mehr dokumentiert. Offensichtlich ist aber erst durch die Spenden der Gemeindemitglieder diese Anschaffung möglich geworden.

Diese neue Krippe in Heilig Geist war offensichtlich so bemerkenswert, dass die Landesbildstelle diese mit drei großformatigen Fotos dokumentierte. Eines der Bilder ist hier gezeigt. Diese Bilder waren zudem der Ausgangspunkt für alle Recherchen zur Geschichte der Ohlhäuser-Krippe, die Michael Cramer seit vielen Jahren durchführt und über die er auch schon in mehreren Vorträgen berichten konnte. Die Gemeinde erwarb nämlich offensichtlich die entsprechenden Kontaktabzüge der Bilder der Landesbildstelle, auf denen auch eine Negativnummer vermerkt war. Im Archiv des heutigen Landesmedienzentrums konnte über diese Nummer als weitere Information der Name Helene Ohlhäuser, Fellbach ausfindig gemacht werden. Somit war der in der Gemeinde eigentlich nicht mehr geläufige Name des Schnitzers bekannt. Warum auf den Negativen interessanterweise der Name der Ehefrau des Künstlers und nicht Walter Ohlhäuser selber vermerkt ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.  

Auch die Fellbacher Zeitung vom 15. Januar 1949 berichtete über die neue Krippe. Fellbach war der damalige Wohnort der Familie Ohlhäuser. Der Autor des Zeitungsartikels, der Theologe und Kunsthistoriker Dr. Heinrich Getzeny äußert sich geradezu begeistert über die ausdruckskräftigen Charaktere, die Ohlhäuser mit seinen Figuren für Heilig Geist geschaffen hat! Dieser zeitgenössische Bericht ist im Volltext wiedergegeben.

Über die weitere Geschichte dieser Krippe und auch das Gesamtwerk des Künstlers Walter Ohlhäuser ist an verschiedenen Orten berichtet und auch geschrieben worden. Gerne sei auf den in der Kirche aufliegenden Flyer zur Krippe verwiesen. In den nun 75 Jahren gab es natürlich auch Veränderungen an der Krippenaufstellung und leider auch an den Figuren. Zu erwähnen sind der Umzug der Krippe in den Kirchenneubau im Jahr 1976, der in den 1980er Jahren neu gefertigte Stall, die erst später dazu beschafften Krippentiere wie Schafe, Kamel und Ochse und Esel, die Neuanfertigung von Gewändern von einigen Figuren durch die damaligen Gemeindeschwestern, die dann fachkundige Restaurierung des Figurenensembles vor fünf Jahren und anderes mehr.

Aber auch für das diesjährige 75-jährige Jubiläum hat sich das Krippenteam eine kleine Überraschung überlegt. Sicher sind es unsere krippenbegeisterten Kinder, die diese neue Figur zuerst entdecken werden!

Getzeny schließt seinen Bericht in der Fellbacher Zeitung mit den Worten: „Wie muss diese Krippe vor allem die Phantasie der Kinder anregen. Die märchenhafte Pracht des Morgenlandes steht plötzlich greifbar vor ihren Augen. Nun sehen sie die fremdländischen Fürsten und ihr exotisches Gefolge und können sich so die heilige Geschichte vorstellen. Aber auch die Alten haben ihre Freude an der köstlichen Naivität, mit der dies alles gestaltet ist. Es lohnt sich wirklich, dieser Krippe wegen die Kirche in Stuttgart-Raitelsberg aufzusuchen.“

Wünschen wir, dass unser Krippenschatz noch viele Jahre von dieser Weihnachtsfreude künden kann!

Anmerkung: Wer an der ausführlichen Darstellung des Krippenwerks von Walter Ohlhäuser interessiert ist, dem sei folgende Schrift empfohlen: Die Weihnachtskrippe, 66. Jahrbuch 2022, 128  Seiten,  broschiert,  29,90 Ä,  ISBN 978-3-8309-4653-3, Waxmann-Verlag. In dieser Schrift findet sich ein 24-seitiger Bericht, in dem Michael Cramer das Leben Walter Ohlhäusers und sein Krippenwerk eindrucksvoll umfassend vorstellt.
 

Kennen Sie unseren Gemeindebrief "Blickpunkt-Ost"?

Wenn Sie sich hier anmelden, bekommen Sie ihn alle zwei Monate zugesandt.
Der Blickpunkt Ost ist kostenlos, wir freuen uns aber einmal im Jahr über eine Spende.

ANMELDEN